Reisen nach der Pandemie
- janetkittelmann
- 12. Juni 2025
- 4 Min. Lesezeit
Zwischen Reiselust und Klimabewusstsein: Die Gewissensfrage beim Fliegen

Nach langer Abstinenz durfte die Welt im Frühjahr 2022 endlich wieder offiziell reisen. Unser Sehnsuchtsziel Sulawesi konnten wir wegen der Covid-19 Pandemie zwei Jahre lang nicht besuchen. Als am 4. April 2022 die Meldung kam, dass Indonesien und speziell Sulawesi wieder bereist werden können, hab ich noch am selben Tag die Flüge für den Herbst gebucht.
Während der Pandemiejahre konnte man verschiedene positive Effekte auf unserem Planeten feststellen: Flussdelfine wurden wieder im Mekong-Delta gesichtet, Venedig glänzte mit einer sauberen, klaren Lagune, die Luftverschmutzung nahm ab, Wildtiere kehrten vermehrt in urbane Gebiete zurück, die Wasserqualität verbesserte sich, die Lärmbelastung in den Ozeanen reduzierte sich deutlich, Küsten- und Meeresökosysteme konnten sich erholen. Anhand dieser positiven Auswirkungen ist es schon fast eine Gewissensfrage geworden, ob man den nächsten Urlaub zuhause oder in der Ferne verbringt. Wo es dem Planeten doch so gut geht, wenn wir still stehen.

Seitdem kommt es mir wie ein zweischneidiges Schwert vor, einen Flug zu buchen
Jedem ist klar, dass irgendwann Änderungen erfolgen müssen, wenn wir die Klimakrise noch abwenden wollen, und jedem von uns fällt es auf seine Weise schwer, Dinge zu ändern oder ganz bleiben zu lassen. Den eigenen CO2-Abdruck verringern ist momentan das gehypte Ziel.
Handlungsbedarf besteht ganz klar - aber wie nun damit umgehen? Auf Flugreisen verzichten? Irgendwie undenkbar. Wir wollen ja - aber irgendwie auch nicht. Grüner Strom? Viel zu teuer! Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen? Nicht mit uns! Teurere Flüge durch eine angemessene CO2-Bepreisung? Nur Gewissensberuhigung und nicht wirklich nachhaltig.
Ich muss zugeben, dass mir ohne das Reisen etwas fehlen würde, und betrachte daher eine wissenschaftlichen Aussage: Der globale Flugverkehr ist nicht der größte Klimakiller, sondern beträgt nur ca. 3% der weltweiten CO2-Emmissionen. Dies entspricht etwa 1,2 Millionen Flügen weltweit pro Jahr. Da ich weder beruflich reisen muss noch aus sonstigen Gründen oft fliege, ist es da vertretbar, ein- bis zweimal im Jahr mit dem Flugzeug zu verreisen?
Es geht nicht nur um Verzicht, sondern um kluge Entscheidungen und neue Perspektiven.
Balance zwischen Klimawandel und Lebensqualität
Flugreisen haben in den letzten Jahren zunehmend eine moralische Dimension bekommen. Einerseits gibt es das immer drängendere Bedürfnis, etwas gegen den Klimawandel zu tun zu wollen, und andererseits ist Reisen ein bedeutender Teil der Lebensqualität vieler Menschen. Es ist eine Art, das Leben zu gestalten. Eine Quelle von Inspiration, Bildung und sogar Identität. Persönliche Werte können daher durchaus in Konflikt mit den persönlich gesetzten, falls vorhanden, Klimazielen stehen.
Ich glaube, ich kehre erst mal vor der eigenen Haustür. Das bedeutet, dass ich mir meines Handels bewusst bin und es danach ausrichten kann. Indem ich im Einklang mit den eigenen Werten reise. Das tue, was ich persönlich tun kann.
Persönliche Flugfrequenz überdenken
Wie oft benutze ich das Flugzeug pro Jahr? Sehe ich 1-2 Flugreisen pro Jahr als persönlich vertretbar an?
Verantwortungsvoll reisen und Reiseverhalten anpassen
Flüge mit längeren Zwischenstopps, die die Reisezeit verlängern, sind oft weniger umweltschädlich als Direktflüge. Auch Direktflüge zu weniger frequentierten Flughäfen (nicht immer die größten Drehkreuze) können dazu beitragen, die Umweltbelastung zu verringern. Darüber hinaus könnte man sich auf bestimmte Ziele beschränken und diese dann wirklich intensiv erleben, anstatt ständig von einem Ort zum nächsten zu hetzen -> Slow Travel
Neue Perspektiven auf den Tourismus
Reisen ist eine Möglichkeit, sich mit anderen Kulturen auseinanderzusetzen und ein tieferes Verständnis für die Menschen zu entwickeln. In vielen Ländern wirkt sich der Tourismus direkt auf die lokale Bevölkerung aus und hat wirtschaftlich einen hohen Stellenwert.
Ein negatives Beispiel ist der Massentourismus: Zuerst kommt die Zerstörung (Rodung riesiger Flächen, Bebauung durch Hotelkomplexe, Zerstörung von Korallenriffen), dananch die Umweltverschmutzung (vorwiegend Touristen-Müll, oft fehlende Müll-Entsorgungseinrichtungen), gewinnmaximiertes Denken von Hotelketten, niedrige Löhne, keine Sicherheiten.
Ein positives Beispiel ist der Öko-Tourismus: An die Natur angepasste Architektur von Resort- und Hotelanlagen, Einsatz nachhaltiger technologischer Lösungen (Regenwassernutzung, Solarthermie, Wasserspender, Erhaltung der Riffe), ökologische Haltung, Re-Investierung in Menschen, Natur und Business, stabilere Löhne, oft Sozialleistungen.
Wir Touristen können steuern, wohin wir unser Geld tragen. Und wofür es vermutlich im Anschluss verwendet wird, nachdem wir es ausgegeben haben. Dies gilt für die Wahl des Hotels ebenso wie für die Buchung von Ausflügen und Touren.

Immer mehr kleinere Hotels und Resorts haben den Ansatz der Nachhaltigkeit als positiv erkannt und ihr Management danach ausgerichtet. Sie sind es wert, unterstützt zu werden, auch wenn der Preis für ein Zimmer je nach Region eventuell ein wenig höher ist.
Homestays sind nicht jedermanns Sache, aber der beste Weg, die Menschen direkt zu unterstützen.
Auch Touren und Ausflüge müssen heutzutage nicht mehr aus dem Katalog an der Hotelrezeption gebucht werden. Es gibt mittlerweile mehrere Plattformen im Internet, auf denen Einheimische ihre Dienste als Tourguide oder Privater Fahrer präsentieren ("Tours with locals"). Ein wenig Vertrauen und natürliche Vorsicht gehören hier aber durchaus dazu!
Beliebt sind auch die sog. "Walking-Tours", die in größeren Städten von Einheimischen angeboten werden. So lernt man ein bestimmtes Viertel einer Stadt ganz intensiv und sicher kennen. In Indien/Delhi gibt es spezielle Touren nur für Frauen.
Fazit
Vielleicht besteht die Herausforderung darin, zu akzeptieren, dass Reisen nicht immer ein Recht ist, sondern ein Privileg, das mit einer Verantwortung und einer Chance einhergeht. Und dass es im Grunde nicht um eine oder keine Flugreise geht, sondern um die persönliche Haltung und das gesunde Mittelmaß.
Bist du bei diesem Thema auch schon ins Grübeln gekommen? Schreibe mir in den Kommentaren!
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